“Nocturama"

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NOCTURAMA
Scope. Frankreich/Deutschland/Belgien, 2016
Drama Thriller


Länge: 136 Minuten
FSK: ab 16; f

Regie: Bertrand Bonello
Buch: Bertrand Bonello
Kamera: Léo Hinstin
Musik: Bertrand Bonello
Schnitt: Fabrice Rouaud
Darsteller: Finnegan Oldfield (David), Vincent Rottiers (Greg), Hamza Meziani (Yacine), Manal Issa (Sabrina), Martin Petit-Guyot (André), Jamil McCraven (Mika), Rabah Nait Oufella (Omar), Laure Valentinelli (Sarah), Ilias Le Doré (Samir), Robin Goldbronn (Fred), Luis Rego (Jean-Claude), Hermine Karagheuz (Patricia), Adèle Haenel (Junge Frau auf dem Fahrrad)

SYNOPSIS
Ein Morgen in Paris. Eine Handvoll Jugendlicher aus unterschiedlichen sozialen Schichten.
Sie tanzen, jeder für sich, ein seltsames Ballett durch das Labyrinth der Metro und die Straßen der Hauptstadt. Sie alle scheinen einem Plan zu folgen. Ihre Gesten sind in ihrer Präzision fast gefährlich. Sie steuern alle auf einen Punkt zu, ein Kaufhaus kurz vor Ladenschluss.
Wenig später fliegt Paris in die Luft. Der Anschlag nimmt seinen Lauf.

REGIE STATEMENT

BERTRAND BONELLO ÜBER NOCTURAMA
NOCTURAMA
Dieser Film ist zum einen aus einem allgemeinen Gefühl, was die Welt angeht, zum anderen aus einem rein filmischen Interesse entstanden. Die erste Version habe ich schon vor Jahren geschrieben. Damals arbeitete ich an Haus der Sünde
– einem opulenten Kostümfilm
– und überlegte, danach einen ultra
zeitgenössischen Film zu machen, der aus einer völlig anderen Richtung, sehr direkt und mehr wie eine Geste daherkommen sollte.
Dieser erste, sehr schnell heruntergeschriebene Entwurf war eine Reaktion auf ein seit langem spürbares
Klima, das ich als „Dampfkochtopfeffekt“ beschreiben würde. Es köchelt und brodelt, und ich frage mich:
„ Warum explodiert es nicht?“ Sicher liegt es in der Natur des Menschen, sich anzupassen, sich zu integrieren und Dinge zuzulassen, die im Grunde inakzeptabel sind. Hin und wieder gibt es in der Geschichte dann einen Aufstand, eine Revolution. Eine Zeit, in der die Menschen „Halt“ sagen, sich verweigern.
Dieser Ausgangspunkt lenkte mich ziemlich bald in Richtung Genrekino: Ich wollte so schnell wie möglich zu der Frage des
Wie kommen, anstatt beim Warum
zu bleiben. Um das Warum
geht es in der Szene, in der Adèle Haenel sagt: „Es musste so kommen.“ Diese Sp
annung spürt man auch, wenn man durch die
Straßen läuft. Und wenn man Zeitung liest, weiß man, dass es geschehen könnte. Deshalb fängt der Film ganz ohne Umschweife an.
Wie wird man aktiv, wie läuft das ab? Im Film sind Taten für mich wichtiger als Worte.
Aktion versus Diskurs... Wie versus Warum
. Auch das Rätselhafte spielt im Kino eine wichtige Rolle, und ich wollte nicht
versuchen, Dinge zu rationalisieren, die nicht immer zu erklären oder zu rechtfertigen sind.
Der erste Titel des Drehbuchs lautete
Paris est une fête(1). Diese Antiphrase entsprach genau dem Film, den ich machen wollte. Nach Saint Laurent nahm ich mir das Drehbuch wieder vor und setzte die
Dreharbeiten für Sommer 2015 an.
Während der Postproduktion nahm der Titel
Paris est une fête plötzlich eine völlig neue Bedeutung an, und es war klar, ich musste ihn ändern. Ich suchte automatisch in der Musik und wurde bei Nick Cave fündig.
Nocturama heißt eines seiner Alben. Mir gefiel die Idee einer Mischung aus Latein und Griechisch, in der die Bedeutung der Nachtsicht mitschwingt. Also fragte ich Nick, ob ich den Titel benutzen dürfe, und er war einverstanden. Er erklärte mir, dass der Begriff eigentlich auf das Noctarium verweist, ein Tierhaus im Zoo, in dem nachtaktive Tiere leben. Umso besser, denn das Wort Nocturamaruft auch etwas
Alptraumartiges wach.

Eine Gruppe militanter Jugendlicher aus unterschiedlichen sozialen Schichten verübt Anschläge im Pariser Stadtraum und versteckt sich in einem evakuierten Luxuskaufhaus. Ein irritierend hellsichtiges, verwirrend entrücktes Drama, das nicht auf eine filmische Antwort auf den (islamistischen) Terror zielt, vielmehr das Porträt einer Jugend zwischen Aufbegehren und Melancholie mit dem Genrekino verknüpft. Dabei verweigert sich der cineastisch brillante Film dem politischen Diskurs und strebt, indem er Zeichen und Handlung fast unverbunden nebeneinanderstellt, nach Entleerung und Abstraktion. - Sehenswert ab 16.FilmDienst