Aus einem Jahr der Nichtereignisse

Willi lebt fast neunzigjährig, allein auf einem alten norddeutschen Dreiseitenhof. Aus einem Jahr der Nichtereignisse ist die Beschreibung seiner sehr pragmatischen Lebenshaltung, in der Widerstände dazu da sind, überwunden zu werden. Die Beobachtung der alltäglichen
Gegebenheiten und Hindernisse verschmelzen mit den wiederkehrenden Erzählungen weit zurückliegender Erlebnisse. Es entsteht ein Bild, das sich den gebliebenen Eindrücken seines Lebens nähert, aber nicht Biografie ist.
Über den Zeitraum eines Jahres haben die Filmemacher Ann Carolin Renninger und René Frölke Willi auf seinem Hof besucht und seinen Alltag mit ihren Super8 und 16mm Kameras begleitet. Die Hühner füttern, die Katzen streicheln, Kartoffeln schälen – Willi lebt seinen Alltag eigenständig. Langsam und gemächlich. Aus einem Jahr der Nichtereignisse entschleunigt und schenkt Zeit.
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"Eineinhalb Stunden Urlaub im Kino. Der entschleunigste Film des Jahres." - Programmkino.de

DIRECTOR’S NOTE
Choreographie und Erzählung –
Von der Beredsamkeit des Wartens

Als Kind den schmalen, rissigen Asphaltweg an der alten Werft vorbei hochlaufen, links und rechts türmen sich Hecken über einen und oben an der Ecke, mit einem halben Blick auf sein Haus, sich entscheiden müssen – den letzten Schritt wagen oder doch Rückzug, schleunigst zum sicheren Hauptweg, zurück zu den andern. Ein langer Augenblick unbestimmbarer Angst und magischer Anziehung, denn hinter der Ecke lauerten Chaos und Anarchie, eine sich aus allen Ecken rekelnde Welt, in der die Grenze zwischen Mensch und Tier nicht klar gezogen werden konnte, und im Zentrum von allem der, den alle im Ort nur ehrfürchtig Bauer Willi nannten.
Das romantisierte Bild, das sich der domestizierte Städter von einem Bauern macht, zerstob recht bald nach dem ersten Besuch bei Willi, jetzt, dreißig Jahre später, und das Laufwerk der Kamera half dabei, wie ein zermalmendes Mühlwerk. Nie waren die 24 Sekunden, die der Aufziehmechanismus der alten Bolex hergab genug, um es den Bildern von damals und dem etwas zu süßlich-idyllischen Bild im Kopf recht zu machen.

Der Bauer war stur und die alte Technik war es auch. Es war der Versuch aus Dissonanzen Schönheit zu erzählen und sie gleichzeitig zu bekämpfen. Eine Schönheit, die sich zäh immer wieder in die auf Willis altem Dreiseitenhof gesammelten Bilder und Töne einschlich – die Hecken, der Schlamm, die wuchernden Brombeeren, der Singsang müder Enten am Abend im Stall.
Was wollten wir dort finden? Die vollkommene Leere, die wir oft erlebten beim Zusammensitzen in der Stube? Beim Beobachten des Hofs draußen vorm Fenster und dem Warten auf etwas Unbestimmbares? Willi schien derweil allein, nur mit seinem Blick das Geschehen draußen im Hofpragmatisch-rigoros zu kommentieren. Wenige Worte wurden dann gewechselt, lange Pausen und kleine Variationen des immer Gleichen entstanden, Uhren, die im Gleichtakt immer anders von den Wänden herunter tickten. Willi winkt ab. Wir wissen nicht, wie es bei Willi ist, wenn er alleine ist. Vermutlich ist es ähnlich, wie wir es erlebt haben, als wir bei ihm waren. Doch ist der Film vielleicht auch nur unsere ganz eigene subjektive Fiktion.

Immer wieder geht Willis Beobachtung der Gegenwart, des Wetters, der Tiere wie zufällig in eine Erzählung von Vergangenem über, vom Durchschwimmen eines Flusses in Italien; das Detail eines Backtrogs, in dem die eigenen Sachen verstaut wurden, blitzt auf. Dann gleitet die Erzählung noch tiefer in die Vergangenheit, zu einem früheren Sommer – dem Baden im See, dem Schwimmenlernen. Es entsteht eine wiederkehrende, aus Erinnerungen
gewobene Erzählung mit ihren eigenen Kausalitäten, einer eigenen Logik, deren
Immer-wieder-Erzählen einem Leben Struktur gibt, so, wie die sich ewig wiederholenden Jahreszeiten oder der tägliche, mühsame Gang quer über den Hof zum Stall, einem Leben Struktur gibt. Dieser Gang erschien uns wie die sichtbare Choreografie, in der ein Mensch und seine Haltung zum Leben spürbar werden. Der Satz „Man kommt überall längs“ ist Willis prägnantes sprachliches Destillat hiervon.
Die filmische Abbildung der sich täglich wiederholenden Wege stellt sich als eine gleichberechtigte Form des Erzählens neben jene wiederkehrenden Berichte von jahrzehnte zurückliegenden Ereignissen. Doch es bleibt ein blinder Fleck, es wird nicht sichtbar, was zuerst war: die Haltung, die den Widerständen trotzt, oder die Geschichte, die davon erzählt.
Kultur erscheint so als das, was der Mensch der Natur im Trotz entgegenhält, ohne das Gefühl des unvermeidlichen Zurückgeworfenseins auf eben jene Natur zu verlieren.
Ann Carolin Renninger, René Frölke

BIOGRAPHIEN
Ann Carolin Renninger wurde 1979 in Flensburg geboren. Von 2000 bis 2006 studierte sie Kulturwissenschaften in Leipzig, Straßburg und Paris. Seit 2008 arbeitet sie für die Produktionsfirma Zero One Film, Berlin, im Bereich Entwicklung und Produktion von Dokumentarfilmen. Neben dieser Tätigkeit gründete sie 2010 joon Film, eine Plattform für künstlerische Zusammenarbeiten im Filmbereich. Ann Carolin Renninger lebt in Berlin. Aus
einem Jahr der Nichtereignisse ist ihr erster Film.

René Frölke
Geboren 1978 im Eichsfeld, DDR. Kunststudium in Karlsruhe. Arbeitet als Cutter, Kameramann und Regisseur. Kooperation mit Thomas Heise für Material (2009). 2010 realisierte er seinen ersten eigenen abendfüllenden Dokumentarfilm Von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange .

Die FilmDienst Kritik


 




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AUS EINEM JAHR DER NICHTEREIGNISSE , ein Film von Ann Carolin Renninger
und René Frölke. DE-2017, Super8 und 16mm, 83min, Farbe/SW
Produktion: joon film , gefördert durch: Künstlerinnenstipendium Film/Video-Berliner
Senat, Filmwerkstatt Kiel