Musikdoku: "Ryuichi Sakamoto: Coda"
mit "Async at the park avenue amory" (nur 27.9. & 2.10.)

Ryuichi Sakamoto ist einer der bedeutendsten Kunstler unserer Zeit. Seine sagenhafte Karriere umspannt uber vier Jahrzehnte. In den spaten 70ern erfindet er mit seiner Band Yellow Magic Orchestra den japanischen Techno-Pop, veroffentlicht als Solo-Kunstler erste Alben zwischen elektronischer, klassischer und Weltmusik und wird als Shooting Star gefeiert. In den 80er und 90er Jahren komponiert er legendare Soundtracks fur „Merry Christmas, Mr. Lawrence“, „Der Himmel uber der Wuste“ und „Little Buddha“. Fur die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“ wird er 1987 mit dem Oscar ausgezeichnet. Bis heute gibt Sakamoto seiner Musik uber Kollaborationen mit anderen wegweisenden Komponisten, Regisseuren und Konzeptkunstlern immer wieder neue Impulse. Seit der Atomkatastrophe von Fukushima engagiert er sich zudem stark als Umweltaktivist und gilt als einer der Wortfuhrer der Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan.
Regisseur Stephen Nomura Schible hat den Komponisten ab 2012 mit der Kamera begleitet. 2014 wird bei Sakamoto Mundrachenkrebs diagnostiziert, und der Musiker bricht alle Projekte ab. Als die Dreharbeiten weitergehen konnen, zieht Sakamoto vor dem Hintergrund der okologischen Situation seines Heimatlandes
und seiner personlichen Lebenskrise Resumee. Archivmaterial aus dem vielgestaltigem Kunstlerleben stellt der Film neben aktuelle Bilder, in denen der Komponist mit neuen Kraften wieder zuruck zu seiner Arbeit findet, zuruck zu seiner Suche nach Klangen, die der Wahrnehmung unserer Welt neue Wege eroffnen und zu einem neuen musikalischen Ausdruck fuhren. RYUICHI SAKAMOTO: CODA ist nicht nur das tief beruhrende Portrat eines einzigartigen Kunstlers, sondern auch ein faszinierender Film uber den kreativen Prozess. Kein Ausklang, sondern ein Neubeginn.

Der Filmemacher über seinen Film
Ich will mit meinem Film zeigen, wie Ryuichi Sakamotos Bewusstsein fur die okologische und soziale Krise seines Heimatlandes sowie die ganz personliche Lebenskrise seine musikalische Ausdrucksweise
beeinflusst haben. Ich habe den Film CODA genannt, weil ich wollte, dass er musikalisch endet – mit der Geburt eines neuen Stucks. Ich hoffe dass die Zuschauer_innen den Film als Moglichkeit zur Offnung
der eigenen Wahrnehmung erleben – und sich vorstellen konnen, wie Ryuichi die Welt hort.
Als ich 2012 begann, an dem Film zu arbeiten, waren die Wunden, die das Erdbeben, der Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima in Japan gerissen haben, noch relativ frisch. Kurz zuvor hatte ich erfahren, dass Sakamoto ein Wortfuhrer der Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan geworden ist. Irgendwie hatte ich gefuhlt, dass es da eine Geschichte gibt, die man erzahlen muss. Mit dem Dreh habe ich ziemlich spontan begonnen.
In Japan mag man es nicht besonders, wenn populare Kunstlerinnen sich politisch positionieren oder gar uber Themen sprechen, die mit Tabus belegt sind, wie die nukleare Belastung der Umwelt. Ryuichis Engagement war also nicht ohne Risiko und Reibung. Die japanischen Mainstream-Medien, die seine Karriere bis zu diesem Zeitpunkt begeistert verfolgt hatten, reagierten sehr zuruckhaltend und scheuten davor zuruck, detailliert zu berichten. Ich wollte diese Leerstelle fullen.
Zu meiner Uberraschung hat mir Ryuichi umfangreich Zugang gewahrt – es war der Beginn eines funfjahrigen Arbeitsprozesses. Fukushima hat mir das Gefuhl gegeben, dass sich meine Welt komplett
verkehrt hat, dass nichts mehr jemals so sein wird wie zuvor. Ich habe gespurt, dass Ryuichi das ahnlich empfand. Ich wollte nie einen politischen Film machen. Mehr als alles andere interessierte es mich, wie
diese Veranderung sich in seiner Kunst manifestieren wurde. Ich bin im Tokyo der 70er und 80er aufgewachsen. Ich wusste also, dass Ryuichi einst wahrend des japanischen Wirtschaftsbooms mit
seiner Techno-Pop-Band Yellow Magic Orchestra einen bestimmten, von technologischer Entwicklung angetriebenen Ethos verkorperte.
Ich fand es spannend, wie er nun Haltung gegen das Establishment einnahm und angetrieben wurde von einer reuevollen Besorgtheit gegenuber Technologie, insbesondere in Zusammenhang mit der Zerstorung unserer Umwelt.
Wahrend des Drehprozesses gab es einige unerwartete Wendungen der Ereignisse; manchmal schien es fast so, als mussten wir die Dreharbeiten komplett abbrechen. Die groste Herausforderung war naturlich Ryuichis Erkrankung. Als wir erfuhren, dass er an Krebs erkrankt ist, wurde unser Arbeitsprozess zu seiner Reise ohne Karte und Kompass. Alle, die an dem Film beteiligt waren, mussten sich durch den Film hindurchtasten, wir konnten uns nur behutsam nach vorne improvisieren. Letztlich hat uns Ryuichis Kompositionsprozess gefuhrt, er brachte organisch die Form unseres Films hervor.
Ich wollte im Film zeigen, wie sich Ryuichis Bewusstsein fur Krisen entwickelt und wie dieses Bewusstsein seinen musikalischen Ausdruck verandert hat. Ich wollte dazu eine musikalische Filmsprache
aufbauen – mit Klangen als Strukturelementen, bis zu jenem Punkt, an dem die Zuschauer_innen die Geschichte nicht nur mit ihren Augen sehen, sondern auch durch ihre Ohren fuhlen konnen. Meine
Hoffnung ist, dass alle, die sich auf die filmische Reise einlassen, den Film wie die Offnung der Wahrnehmung erleben und die Chance bekommen, die Welt wie Ryuichi zu horen und mitzuerleben, wie er
letztlich einen neuen musikalischen Ausdruck findet. Ryuichi ist davon uberzeugt, dass alle Klange Musik sind – auch Umweltklange, die gewohnlicherweise nicht als Musik betrachtet werden. Diese Philosophie hat seine jungsten Kompositionen ebenso inspiriert wie unseren filmischen Montageprozess. Der Klang eines
zerbrochenen Klaviers, das Heulen eines Geiger-Zahlers, die Gerausche vom brechendem Eis der Arktis, Ryuichis wunderschone melodische Skizzen – alles wurde als musikalischer Ausdruck verstanden
und zusammengelegt. Die Klange wurden als Artefakte unserer Zeit behandelt, aus denen wir behutsam unseren Film modellierten.

STEPHEN NOMURA SCHIBLE wuchs in Tokio auf und studierte Film an der NYU in New York. Er arbeitete zunachst als Regieassistent von Kazuo Hara („Emperor’s Naked Army Marches On“, 1987), spater als Vertreter von Produzenten im internationalen Vertrieb japanischer Filme wie Shinji Aoyamas „Eureka“ (2000) und Naomi Kawases „Firefly“ (2000) und betreute internationale Co-Produktionen wie „H-Story“ (2001) von Nobuhiro Suwa. Er war einer der Produzenten von Sofia Coppolas „Lost in Translation“ (2003) und war zustandig fur alle Produktionsaspekte, die Japan betrafen. Stephen Nomura Schible drehte und produzierte die Dokumentation „Eric Clapton: Sessions for Robert J“ (2004), die auf PBS und von der BBC ausgestrahlt
wurde. RYUICHI SAKAMOTO: CODA ist sein Langfilmdebut. Auch bei dem Konzert-Dokumentarfilm „Ryuichi Sakamoto: async – Live at the Park Avenue Armory“ (2018) fuhrte er Regie.

FILMOGRAFIE ALS REGISSEUR:
2004 Eric Clapton: Sessions for Robert J
2017 Ryuichi Sakamoto: Coda
2018 Ryuichi Sakamoto: async – Live at the Park Avenue Armory


Nur wenige Kunstler haben ein ahnlich vielgestaltiges OEuvre wie der japanische Komponist, Musiker, Produzent und Umweltaktivist RYUICHI SAKAMOTO. Sein Werk umspannt weite musikalische
Felder – von seiner Pionierarbeit im Bereich der elektronischen Musik als Mitglied des Yellow Magic Orchestra uber eine Serie einflussreicher Rock-Alben, klassischer Kompositionen und wegweisender
Minimal-/Ambient-Aufnahmen bis hin zu uber 30 Filmscores. Seinen ersten Soundtrack komponierte er fur Nagisa Oshimas „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1983), in dem er an der Seite von David
Bowie und Takeshi Kitano auch als Schauspieler zu sehen war. Sakamoto erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Oscar, den Golden Globe und den Grammy fur den Soundtrack zu Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ (1987) sowie einen weiteren Golden Globe fur Bertoluccis „Himmel uber der Wuste“ (1990).
Musikalisch sucht Sakamoto immer wieder die Zusammenarbeit mit anderen wegweisenden Kunstler_innen seiner Zeit: von David Byrne bis Towa Tei, von Iggy Pop und alva noto. Als Reaktion auf das Erdbeben von Tohoku und der damit verbundenen Nuklear-Katastrophe von Fukushima im Marz 2011 engagiert sich Sakamoto fur die Opfer der Region und organisiert Benefiz-Veranstaltungen wie das Musik-Event NO NUKES. Als politisch bewusster Kunstler ausert sich Sakamoto immer wieder kritisch zum Konsumismus des 21. Jahrhunderts. Im Jahr 2014 war Sakamoto, nachdem bei ihm Mundrachenkrebs diagnostiziert wurde, das erste Mal im Zuge seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere zu einer langeren Schaffenspause gezwungen.
Nach seiner Gesundung schrieb Sakamoto im Jahr 2015 zwei Filmscores: fur Alejandro Gonzalez Inarritus „The Revenant – Der Ruckkehrer“ (zusammen mit alva noto) und fur Yoji Yamadas „Nagasaki:
Memories Of My Son“. Im Jahr 2017 hat Sakamoto sein 16. Soloalbum „async“ veroffentlicht, das er als sein bisher personlichstes Album ansieht.

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RYUICHI SAKAMOTO: CODA
ein Film von Stephen Nomura Schible
US/JP 2017, 102 Minuten,
japanisch-englische OF mit deutschen UT