Weltenkino: "The Woman who left"

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Drama | Philippinen 2016 | 226 Minuten
Original mit Untertiteln!

Regie: Lav Diaz

Darsteller
Charo Santos-Concio (Horacia / Renata) · John Lloyd Cruz (Hollanda) · Michael de Mesa (Rodrigo) · Shamaine Centenera-Buencamino (Petra) · Noni Buencamino (Magbabalot)

Die Philippinen, im Jahr 1997: Die unschuldig wegen Mordes verurteilte Lehrerin Horacia wird nach 30 Jahren Haft aus dem Straflager entlassen. In Freiheit findet sie nicht nur ihr persönliches Umfeld völlig verändert vor, sondern wird auch mit einer gewandelten philippinischen Gesellschaft konfrontiert. Sie beschließt, sich an dem Mann zu rächen, der für ihre ungerechtfertigte Inhaftierung verantwortlich war, Rodrigo, ihrem ehemaligen Liebhaber. Während sie ihm nachspioniert, freundet sie sich im Schatten der Mauern seines Anwesens mit anderen Nachtgestalten an, Mit großer Geduld wartet sie auf ihren Moment der Rache…

Es ist 1997 und Horacia sitzt seit 30 Jahren wegen Mordes im Gefängnis. Dann tauchen neue Beweise auf, die ihre Unschuld beweisen – und die Schuld ihres reichen Liebhabers aus Jugendtagen. Horacia ist eine freie Frau, doch die Jahrzehnte haben ihr alles genommen. Was ihr bleibt, ist die kalte Wut auf den Mann, der sie einst ins Gefängnis brachte. Der ist noch wohlhabender als zuvor, verbarrikadiert sich aber aus Angst vor einer Entführung in seinem Anwesen. Im Schatten dieser Mauern lernt Horacia weitere Nachtgestalten kennen: eine transsexuelle Prostituierte, eine von Dämonen geplagte Obdachlose und einen buckligen Eierverkäufer. Während sie ihnen eine großherzige Freundin wird, wartet Horacia geduldig auf ihre Gelegenheit zur Rache. Lav Diaz gelingt ein visuell überwältigendes, archaisches und tief menschliches Drama über Schuld und Solidarität, Absolution und Rache. (Quelle: Filmfest Hamburg)

ÜBER DEN REGISSEUR
Lav Diaz (geboren 1958) ist ein philippinischer Filmemacher, der von vielen als Elder Statesman des dritten Golden Age des philippinischen Kinos betrachtet wird. Seine Filme zeigen die Nöte der Menschen auf den Philippinen, unter dem Joch der spanischen und amerikanischen Kolonisation, während der autoritären Marcos-Ära und in der Diaspora. Vor den Festivalpremieren von NORTE, DAS ENDE DER GESCHICHTE (Cannes 2013) und FROM WHAT IS BEFORE (Locarno 2014), galt Diaz als uninteressant für den Kinomarkt außerhalb Asiens.
Das lag in den Augen der Verleiher an den enormen Spiellängen seiner Filme, die von drei bis zehn Stunden reichten. Das gemächliche Tempo, in dem sich diese Filme entfalteten, spiegelt die malayische Ästhetik im Ansatz von Lav Diaz wider.
Die kurz aufeinanderfolgenden NORTE und FROM WHAT IS BEFORE zeigten einen neuen Grad der Produktivität und auch erweiterte Fördermöglichkeiten für Diaz. Die internationale Kritik reagierte äußerst wohlwollend auf die sichtbar größeren Budgets und "Produktionsstandards" dieser Filme. Dem Publikum musste man nachsehen, dass es den Eindruck bekam, die einzigartige künstlerische Vision dieses Filmemachers käme aus dem Nichts: obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahrzehnte aktiv war, wurde NORTE zum ersten Film, der weltweit in vielen Ländern einen Vertrieb fand. Diaz' Lehrjahre führten ihn in die "pito-pito"-Filmstudios der Philippinen, wo für Vorproduktion, Dreh und Postproduktion jeweils nur sieben Tage veranschlagt wurden. Von diesen frühen Werken enthält nur NAKED UNDER THE MOON (1999) Anzeichen seines späteren formellen Einfallsreichtums, auch wenn seine hypnotischen Qualitäten von Sexszenen unterminiert wurden, die das Filmstudio vorschrieb. Diaz' erstes wirkliches Meisterwerk war sein letzter auf Zelluloid gedrehter Film BATANG WEST SIDE, der die alltäglichen Kämpfe von migrantischen Communities in Jersey City zeigt. Kurz zuvor hatte Diaz bereits mit der Arbeit an dem epischen Film EVOLUTION OF A FILIPINO FAMILY (fertiggestellt 2004) begonnen, das erste seiner Werke, für das er MiniDV nutzte, ein für den Heimgebrauch gedachtes Digitalvideo-System, welches neue kreative Freiheiten
ermöglichte. Ohne die technischen und finanziellen Grenzen, die das Arbeiten mit Filmmaterial mit sich brachte, wuchsen die Filme von Lav Diaz in der Länge, sowohl in den Einzelszenen, als auch die Gesamtlänge betreffend.
Der über den Zeitraum von zehn Jahren entstandene EVOLUTION zeichnet das schwierige Leben einer Bauernfamilie auf den Philippinen in den 1970er und 1980er Jahren nach. Mit der wachsenden Zugänglichkeit digitaler Kameras wurden Diaz' Filme zunehmend ambitionierter und bedienten sich zur Inspiration gleichermaßen bei russischer Literatur wie beim gegenwärtigen soziopolitischen Status quo der Philippinen. Die ästhetische Handschrift von Lav Diaz blieb während dessen immer intakt. In Anbetracht dessen zeigen seine zwe jüngsten Werke eine interessante Dichotomie: einerseits der achtstündige A LULLABY TO THE SORROWFUL MYSTERY, der sich als schier undurchdringlich für diejenigen zeigt, die sich nicht in philippinischer Geschichte und Literatur auskennen, andererseits der weniger als vier Stunden lange THE WOMAN WHO LEFT, Diaz' bis dato vielleicht zugänglichster Film.

REGIENOTIZ
Was macht uns zu menschlichen Wesen?
Als Inspiration für die THE WOMAN WHO LEFT diente Tolstois "Gott sieht die Wahrheit, aber wartet". Ich habe die Erzählung vor sehr langer Zeit gelesen.
Ich kann mich nur noch an die Grundzüge erinnern, die Geschichte und die Namen der Figuren habe ich schon vergessen. Ich kann mich aber erinnern: was mich damals beim Lesen wirklich getroffen hat, war die Erkenntnis, dass niemand von uns wirklich das Leben versteht. Wir wissen nichts. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Existenz. Oder - das können vielleicht mehr Leute verstehen - dass unsere Taten Konsequenzen haben. Und noch häufiger, dass wir den Zufällen des Lebens unterliegen und sie aushalten müssen.